Praxistipps zur Bestandserhaltung
1. Ziele und Maßnahmen
Je mehr der im folgenden benannten Maßnahmen Sie verwirklichen, desto sicherer können Sie sein, zur Bewahrung Ihrer kostbaren Fotobestände beigetragen zu haben, die schließlich als originale Objekte und nicht in irgendwelchen Reproduktionsformen in Archiven und Museen überdauern sollen.
Nicht alle hier vorgestellten Empfehlungen lassen sich sofort und in vollem Umfang realisieren. Daher ist es wichtig, mit einfachen Dingen zu beginnen, die kein oder wenig Geld kosten, wie zum Beispiel:
- Umlagerung der Sammlung in einen kühlen Depotraum
- Ausarbeitung von Notfallplänen (Wasserschaden)
- Festlegen und Einhalten einer Benutzungsordnung (auch für Mitarbeiter!)
- Anschaffung von geeigneten Handschuhen und Beschriftungsmaterialien (Bleistifte)
- Anschaffung von geeignetem Verpackungsmaterial (Luftpolsterfolie, Seidenpapier)
- Klimakontrolle mit einem einfachen Luftfeuchte-/Temperaturmessgerät
- Kopiergeräte, Laserdrucker etc. aus dem Depot entfernen
- Bilder nur dem Licht aussetzen, wenn daran gearbeitet wird, sonst abdecken
- Im Archivraum nicht Essen und Trinken
- Originalfotografien aus der Dauerausstellung entfernen
Kostenintensivere Anschaffungen wie Archivmöbel oder die Planung eines eigenen Fotodepots lassen sich am besten über längere Zeiträume planen, die Anschaffung von Verpackungsmaterialien entlang von Schwerpunktsetzungen nach Bedeutung und Empfindlichkeit der Objekte.
2. Schadensbilder
So komplex wie der Aufbau von Fotografien ist, so vielfältig sind auch die Schadensbilder. Ursachen können endogene und exogene Faktoren sein. Zu den endogenen Faktoren zählen die physikalischen und chemischen Eigenschaften der verwendeten Materialien. Dies gilt besonders für chromogen entwickelte Farbmaterialien und Zellulosenitratfilme. Die Qualität der handwerklichen Ausführung der Entwicklungs- und Fixierprozesse spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Nicht zuletzt ist die Hantierung mit den Fotografien zu nennen – auch die im Depot, bei der Benutzung und Ausstellung.
Folgende Schadensbilder können auftreten:
Physikalische Schäden
- Verschmutzung
- Kratzer
- Knicke
- Risse
- Ecken-/Randbestoßungen
- Ausbrüche
- Verwellung
- Schichtabreibung
- Schichtablösung
- Glasbruch
- Lackierung defekt
- Versiegelung schadhaft
- Etui schadhaft
Chemische/biologische Schäden
- Vergilben / Ausbleichen
- Verblassen der Farbstoffe
- Aussilberung
- Schimmel- / Pilzbefall
- Insekten- / Bakterienbefall
- Fingerabdrücke
- Glaskrankheit
Als exogene Schadensursachen sind ungünstige klimatische Aufbewahrungsbedingungen, ungeeignete Verpackungsmaterialien und Archivmöbel, unsachgemäße Handhabung, falsche Beschriftung und zu helle Beleuchtung zu nennen. Generell ist zu sagen, dass bei hoher Luftfeuchte und hoher Temperatur Abbauprozesse der bilderzeugenden Materialien und der übrigen Komponenten wesentlich beschleunigt werden.
3. Archivierung – Konservierung
Aus diesen Schadensbildern und -ursachen lassen sind einige Regeln für den sachgerechten Umgang mit fotografischen Beständen ableiten. Diese betreffen
- den Raum,
- die Hantierungsweisen und
- die Hüllmaterialien.
3.1 Raum
Keinesfalls sollen Fotografien in regelmäßig als Büros genutzten Räumen untergebracht sein – die Wärme und die Temperaturschwankungen sind wesentliche Zerstörungsfaktoren. Ein separater Archivraum für die Fotosammlung ist zu empfehlen, doch können auch schon einfache Maßnahmen wie die Umlagerung in einen durchgehend kühlen Depotraum schon ein wichtiger Fortschritt sein. Allerdings sind auch dann bestimmte Schadensquellen auszuschließen:
- keine hindurchführenden Wasserleitungen oder Sprinkleranlagen, Vorkehrungen gegen mögliche Wasserschäden treffen
- Archivraum mit Feuerlöschgeräten auf Pulverbasis oder eine Löschanlage mit Gas ausstatten
- Ausarbeitung eines Notfallplanes zur schnellen und sicheren Bergung der Objekte
- Kopiergeräte, Laserdrucker etc. gehören nicht ins Depot, da die austretenden Dämpfe (Ozon) die Fotografien schädigen
- Schränke bzw. Regale aus einbrennlackiertem Stahl verwenden, keine lackierten Metalle oder gar Faserplatten oder schichtverleimte Platten
- abrupte Schwankungen von Temperatur und Luftfeuchte ausschließen, auch kurzfristige Schwankungen innerhalb von 24 Stunden vermeiden; Richtwerte sind Schwankungen von max. +/- 2°C und max. +/- 5% relative Luftfeuchte
- Temperaturen über 25 °C und rel. Luftfeuchtewerte über 60% beschleunigen chemische Zerfallsprozesse
- Temperatur und Luftfeuchte regelmäßig kontrollieren, am besten mit Klimaschreibern, die den genauen Verlauf der Klimaentwicklung protokollieren – und natürlich regelmäßig gewartet und geeicht werden müssen, um zuverlässige Angaben zu liefern
- empfohlener Mittelwert für Temperatur und Luftfeuchte für Schwarzweißmaterial: 18 °C und 40% RH
- empfohlener Mittelwert für Temperatur und Luftfeuchte für Farbmaterialien: 2 °C und 30% RH
- Lichtzufuhr auf Fotografien im Depot, am Arbeitsplatz, in der Ausstellung vermeiden (vor allem die energiereiche UV-Strahlung durch Sonnenlicht, Leuchtstoff-, Halogenlampen)
- für Lampen/Fenster/Rahmen- und Vitrinenglas UV-Schutzfolien bzw. UV-Filter oder spezielle Lampen für Leuchtstoffröhren und Halogenlampen mit eingearbeitetem UV-Schutzfilter verwenden
3.2 Handhabung
- immer Baumwollhandschuhe tragen, denn das Salz im Schweiß reagiert mit den Bildträgern
- auf empfindliche Oberflächen (Hochglanzoberfläche, instabile Bindemittelschicht, Haarrisse in der Schicht, Schichtablösung) und lose Teile/Glasbruch achten, da Gefahr von Substanz- und Informationsverlust besteht, Objekt ggf. für Benutzung sperren
- Standlupen nicht direkt aufsetzen, Polyethylen-/Polyesterfolie dazwischenlegen
- in den Archivräumen nicht Essen und Trinken
- Objekte auf einem Rollwagen (auch bei kleinen Mengen) oder in einer Box transportieren
- bei Arbeitspausen Fotografien gegen Lichteinfall abdecken
3.2.1 Inventarisierung, Beschriftung
- Inventarnummer und (kleine!) Sammlungsstempel immer am Rand des Objektes und außerhalb des Bildfelds platzieren
- Beschriften von Positiven: auf der Rückseite mit einem weichen Bleistift
- Beschriften von Negativen und Diapositiven auf Glas- und Filmträgern: auf der Schichtseite mit einem weichen Bleistift
- Beschriften von PE-Papieren: mit einem Stift, dessen Tinte nicht durchschlägt, P.A.T. getestet, Pigmenttinte/Zeichentusche
- weicher Bleistift: z.B. Mars Lumograph 100 6B, Staedtler®, Schwan All Stabilo 8008, Stempelfarbe der ehem. Deutschen Bundespost Nr. 218
- keine Kugelschreiber, Filzstifte, Fineliner o.ä. verwenden, da diese auf die Vorderseite durchschlagen können und auch nicht mehr entfernbar sind
- keinen starken Druck beim Beschriften ausüben, um ein Durchdrücken der Beschriftung auf die Vorderseite zu verhindern
- keine Selbstklebeetiketten, Selbstklebestreifen, Post-it-Zettel u.ä. verwenden, da die dort enthaltenen Klebstoffe schädigende Substanzen enthalten
3.3 Verpackung
Die Wahl der Archivierungsmaterialien hängt von der Häufigkeit des Gebrauchs und von der Qualität Ihrer Erschließung ab. Hierauf sollten Sie Ihre Entscheidung abstimmen. Papier und Kunststoff als Verpackungsmaterial haben jeweils ihre Vor- und Nachteile:
- Papier bietet Lichtschutz (zum Betrachten ist aber ein Herausnehmen des Objektes nötig – über entsprechende Erschließung vermeidbar), bessere Beschriftungsmöglichkeiten als Kunststoff, atmungsaktiv, Ausgleich von Klimaschwankungen
- Kunststoffhüllen bieten keinen Lichtschutz, schwierigere Beschriftungsmöglichkeiten, nicht atmungsaktiv, keinen Klimapuffer bei Schwankungen im Raumklima, Gefahr des Anklebens der Emulsion an die Folie bei zu hohem Druck/Temperatur/Luftfeuchte, Entstehung von Glanzflecken auf der Oberfläche der Fotografien, Kunststoffe wie Polyester weisen eine hohe Elektrostatik auf und ziehen Staub an
- Für Zellulosenitrat- und Azetatmaterialien sind Kunststoffhüllen auf jeden Fall zu vermeiden, da die gasförmigen Abbauprodukte der Objekte nur unzureichend entweichen können, wodurch der Zerfall beschleunigt wird.
- jedem Objekt seine eigene Hülle/Umschlag/Vierklappumschlag, um Reibung aufeinander zu vermeiden
- Positive und Planfilmnegative bis Format 13 x 18 cm stehend aufbewahren: Füllmengen pro Box so wählen, dass sich nichts durchbiegen kann (Karton zur Stabilisierung dazwischenlegen, auspolstern der Box mit Seidenpapier), ab Format 18 x 24 cm liegend
- bei Positiven und Planfilmnegativen max. 20 Objekte gleicher Größe übereinander, dadurch werden Abdrücke vermieden
- Glasplattennegative bis zum Format 13 x 18 cm stehend lagern, ab Format 18 x 24 cm möglichst liegend (max. 10 Stück übereinander)
- bei Glasplattennegativen max. 20 Objekte pro Box, um das Gewicht der Box zu minimieren
- Zur Verpackung nur speziell für die Fotoarchivierung ausgewiesene Materialien verwenden (Photographic Activity Test (P.A.T.) gemäß ISO 18916:2000. Der Test sagt aus, ob ein Material zu Verfärbungen oder zum Ausbleichen geführt hat.
- Papiere mit direktem Kontakt zur Fotografie aus Hadern oder Zellstoff verwenden, mit einem hohen Anteil an Alpha-Zellulose (die besonders rein ist) und frei von Lignin, Metallpartikeln, Wachsen und Weichmachern
- kein holzschliffhaltiges Papier und Karton, Fotoschachteln, Briefumschläge, Pergamintüten verwenden
- Kunststoffhüllen sollten frei von Weichmachern und Lösemitteln (also kein PVC-Material) sein
- eine leicht raue und matte Oberfläche des Verpackungsmaterials ist einer glatten, glänzenden Oberfläche vorzuziehen, da diese zum Ankleben oder zur Ausbildung von Glanzflecken führen kann
- Hüllen sollten möglichst keine oder nur wenig Klebestellen aufweisen
- wenn die Produkte geklebt sind, sollte sich die Klebekanten immer am Rand befinden und nicht mit der Emulsion in Berührung kommen
- als Klebstoffe können fotografische Gelatine, Stärkkleister, Methylcellulose und manche Acryl- und PVA - Kleber verwendet werden
- geschlossene Boxen verwenden, da die Objekte besser gegen Staub geschützt sind
- ungepufferte Papiere (pH-Wert zwischen 7,0 und 7,5) sind gepuffertem Material vorzuziehen, vor allem bei frühen Verfahren (Cyanotypie, Albuminpapiere) und Farbfotografien
- Schachtelmaterial aus Papier/Karton, ohne direkten Kontakt mit der fotografischen Emulsion, sollte mit mindestens 2 % Calciumcarbonat gepuffert sein, um vor sauren Schadstoffen von außen Schutz zu bieten
3.3.1 Bei Negativen aus Zellulosenitrat ist zusätzlich zu beachten:
- Objekte vom restlichen Bestand separieren, um eine Gefährdung des umliegenden Materials durch gasförmige Abbauprodukte des Nitratmaterials auszuschließen
- für die Aufbewahrung Papierhüllen und keine Kunststoffhüllen verwenden
- Archivschränke in denen das Nitratmaterial gelagert wird, sollten gut belüftet sein
- Objekte sollten so kühl wie möglich gelagert werden, um den Abbauprozess zu verlangsamen
- zur Sicherung der Information sollten Duplikate angefertigt werden
- gesetzliche Bestimmungen zur Lagerung dieser Materialien beachten
3.4 Erschließung/Reproduktion
Wesentliche Bestandsschonungsmaßnahmen sind eine gute Erschließung und die Anfertigung von Reproduktionen. Hierdurch kann langfristig Ihre Sammlung von Originalen in ein stilles Archiv umgewandelt werden, auf das Sie und Ihre Nutzer nur in wenigen besonderen Fällen zugreifen müssen, während die meisten Recherchen eben anhand der Reproduktionen erfolgen können.
3.5 Ausstellen
- keine Originale in der Dauerausstellung zeigen, hierfür Reproduktionen nutzen
- Fotografien in Wechselausstellungen nicht in frisch gestrichenen Räumen ausstellen, lösemittelfreie Anstriche verwenden (z.B. für Allergiker), auf Klima in den Ausstellungsräumen achten, keine schadstoffhaltigen Materialien für Vitrineneinbauten verwenden
- bei Leihgaben immer Protokolle anfertigen: beschreibende, zeichnerische/fotografische Dokumentation des Zustandes, Montierung, Rahmung und Klima- und Beleuchtungsbedingungen festlegen
- sorgfältige Verpackung beim Transport: Glas mit Glasklebeband abkleben, Luftpolsterfolie/Seidenpapier zum Verpacken
- Rahmung als Staub- und Klimaschutz, aber kein direkter Kontakt Fotografie/Digitaldruck und Glas
- Montierung und Passepartoutrierung der Fotografien: säurefreier Passepartoutkarton, Fotoecken, Japanpapierfälze, säurefreies Nassklebeband, Methylcellulose, Kleister, PVA für PE-Papiere, bei Fotoalben Buchstützen verwenden
- beim Aufbau Fotografien abdecken, empfindliche Objekte ggf. auch während der Ausstellung abdecken, Fenster abhängen/abdunkeln: kein Tageslicht
- den Besuchern die dunklere Beleuchtung mit konservatorischer Notwendigkeit erklären
- Lichtschäden summieren sich, daher die Gesamtbelastung beachten: Richtwert ist hier die jährlich maximale Beleuchtungsmenge nach Lux (lx) und Stunden (h): lx.h = Beleuchtungsstärke (Lux) x Beleuchtungsdauer (h). Die nachfolgende Übersicht gibt die Werte für einige besonders verbreitete Verfahren an:
Verfahren | Beleuchtungs-Stärke (Lux) | jährlich maximale Belichtung (lx.h) | Beispielrechnung: Belichtung während einer 3monatigen Ausstellungsdauer, 6 Tage/Woche, 8 h/Tag |
Fotografien 19.Jh., | 50 Lux | 12.000 lx.h | 28.800 lx.h |
s/w Fotografien auf PE-Papier, Fotografien des Silberfarbstoff-Bleichverfahrens
| 75 Lux | 42.000 lx.h | 43.200 lx.h |
s/w Fotografien mit Barytschicht | 100 Lux | 84.000 lx.h | 57 600 lx.h |
4. Bezugsquellen
- Monochrom, Mono-C GmbH, Königstor 14 A, 34117 Kassel, Tel. 0561-93 519-0, Fax 0561-93 519-19, www.monochrom.de
- Klug Conservation, Badeweg 9, 87503 Immenstadt, Tel. 08323-96 53 30, Fax 08323-72 87, www.klug-conservation.com
- Anton Glaser, Theodor-Heuss-Str. 34a, 70174 Stuttgart, Tel. 0711-29 78 83, Fax 0711-22 61 875
- Karthäuser-Breuer, Postfach 30 07 11, 50777 Köln, Tel. 0221-95 42 330, Fax 0221-95 42 339, www.karthaeuser-breuer.de
- GSA-Produkte, Gisela Sand, Bahnhofstr. 53, 48291 Telgte, Tel. 02504-66 29, Fax 01504-66 80, www.gsa-produkte.de
- Schempp®, Max-Plank-Str. 12, 70806 Kornwestheim, Tel. 07154-2 22 33, Fax 07154-32 98, www.schempp.de
- Hans Schröder GmbH, Postfach 1158, 76689 Karlsdorf-Neuthard 1, Tel. 07251-34 88 00, Fax 07251-34 88 07, www.archiv-box.de
- Noris Color GmbH, Postfach 1223, 95302 Kulmbach, www.noris-color.de (Stempelfarbe)
5. Konservatorische Beratung
Ulrike Müller
Hauptstr. 6, 01454 Radeberg, Tel.: 03528/414967, Mobil: 0175/8954823, e-Mail: photorestaurierung@gmx.de
oder
c/o SLUB/Deutsche Fotothek, Zellescher Weg 18, 01069 Dresden, Tel.: 0351/4677-635
Autorin: Ulrike Müller
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