Fotohistorische Fragestellungen
Für ein Museum der Blicke. Fotohistorische Fragestellungen als Chance für die Museumsarbeit
- Fotografien geben als Bild Auskunft über das, was sich im Moment der Belichtung vor dem Objektiv befunden hat und als Objekt, in welcher Weise die Apparatur gehandhabt worden ist. Als „Bild“ sind Fotografien keinesfalls „objektiv“. Als materielle „Augenzeugen“ der sichtbaren wie der unsichtbaren Akteure besitzen sie eigenständigen Quellencharakter.
- Um Fotografien in einem umfassenden Sinn zu verstehen, müssen die komplexen Beziehungen erkannt werden, die zu ihrer Entstehung geführt haben und in ihrem Gebrauch verwirklicht wurden. Diese zu erforschen und dauerhaft festzuhalten ist eine zentrale Aufgabe der Museumsarbeit.
- Als Gesamtobjekte bestehen Negative und Positive aus einem Träger, der diesem einbeschriebenen industriellen und individuellen Herstellungsgeschichte, der „Bildinformation“ sowie den Spuren ihrer Nutzung. Fotografien als mentalitätshistorische Zeugnisse sind daher im Original zu sammeln, zu erhalten, zu verstehen und zu zeigen.
- Die Bestimmung der Herstellungsverfahren und verwendeten Apparaturen dient der Datierung, gibt Hinweise auf Gebrauchsintentionen und –weisen und liefert die Grundlagen für die Bestandserhaltung.
- Die Materialität sowie die Vorder- und Rückseite sind unter technischen, inhaltlichen und visuellen Aspekten zu dokumentieren. (Digitale) Reproduktionen für die Dokumentation sollen das Objekt unbeschnitten zeigen und in Farbe angelegt sein, da Schwarzweiß-Aufnahmen nur Sonderfälle unter vielfältigen Bildtönen sind.
- Fotografien können auf unterschiedliche Weise mit Präsentationsmitteln verbunden sein (Untersatzkarton, Rahmung, Album etc.). Dieser unmittelbare Zusammenhang ist Teil der Geschichte des Objekts und entsprechend zu dokumentieren.
- Fotografien sind vielfach Teil von Mediengenerationen, wie etwa Negativ – Abzug – Montage – Diapositiv – Postkarte – Buchillustration o.ä. Diese Abfolgen sind zu erhalten, zu dokumentieren oder zu rekonstruieren.
- Die konkrete Form, in der die „Informationen“ den Bildern einbeschrieben sind, ist zu analysieren in ihrer Dialektik von Wirklichkeitsbezug und Verwandlung zum Bild: Zum Beispiel: Wie werden die Objekte der Abbildung in ihr inszeniert? Welche Wirklichkeitsausschnitte werden Bild? Was wird nicht gezeigt? Welche Erzählformen werden gewählt? Welche Absichten, auch welche Zufälle, kommen auf die Fläche der Darstellung? Wie agieren die Dargestellten in Bezug auf den Aufnahmevorgang, wie zeigen sie ihre eigene Geschichte sich und uns? Wie vermitteln sie ihre körperliche Aktion medial? Welche stilistischen Eigentümlichkeiten weist die Komposition auf und was verbindet sie mit oder trennt sie von anderen Bildern ihrer und anderer Zeit – als Traditionslinien, Konventionen oder Abweichungen?
- Die Rekonstruktion der Herstellergeschichte (Amateure, Ateliers, Künstler, Verlage, Überwachungsautomaten etc.) im lokalen Zusammenhang und die Wanderwege von Fotografien entfernter Gegenden und Hersteller, die Dokumentation von Vertriebswegen und der Gebrauchsgeschichte (Namen, Widmungen, Erinnerungen etc.) sind wesentliche Elemente einer kulturhistorisch orientierten Dokumentation von Fotografien und damit eine zentrale Aufgabe der Sammlungen.
- Die fortschreitende Visualisierung unserer Gesellschaft und der Rückgang der Schriftkultur haben weitreichende Folgen für den Bewahrungs- und Bildungsauftrag der Museen. Mit der Beachtung der Fotografie als Leitmedium des Industriezeitalters gewinnen die Sammlungen retrospektiv eine Bedeutungsfacette und prospektiv eine Verbindung mit gegenwärtigen Kulturmustern hinzu – eben kein zusätzliches Problem, sondern eine aus dem Material heraus entwickelte Chance für die Konzeption innovativer, medienhistorisch akzentuierter Museumsarbeit für ein heutiges Publikum.
Autor: Wolfgang Hesse
nach oben